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Gedanken zwischen Himmel und Erde


Januar: Archiv-Übersicht der Einträge


Samstag, 31. Januar

Spurensuche


Der heutige Tag fing schon wunderbar an, indem ich zwei Bündel Osterglockenknospen, die immer trocken in einem Karton in dem Geschäft liegen (wie das die Osterglocken aushalten, ist mir ein Rätsel) vom Samstageinkauf mitgebracht bekam. Ich liebe es, in jedem Jahr dieses kleine Wunder zu beobachten, wie schnell sich die gelben Blüten öffnen. Meist in einem Tag sind sie schon vollständig aufgeblüht und ihre gelbe Farbe symbolisiert für mich den Frühling.

Ich freue mich schon auf die roséefarbenen Tülpchen, die es in ein bis zwei Wochen zu kaufen gibt. Mit ihnen rückt der Frühling noch ein wenig näher heran und erfreut schon mal mit ihrem zarten Hauch mein Herz.

Bei meinen heutigen Nachmittagsspaziergang hielt ich weiter Ausschau nach ersten Anzeichen des Frühlings und tatsächlich habe ich sie entdeckt, wohl teilweise noch unter Schneeresten, aber deutlich sichtbar blühen sie schon, die gelben Winterlinge. Dazu eine kleine Poesie.

Die Winterlinge -
Gelbes Grüppchen, dicht gedrängt -
Frühlingssignale...

D. Heider

Auch die Schneeglöckchen habe ich mit ihren weißen Röckchen an geschützten Stellen in Vorgärten schon unter den Schneeresten entdeckt. Die Magnolienbäume haben auch deutlich grüne Knospen bekommen und bereiten sich vor auf ihren großen Auftritt.

Ganz besonders erfreut hat mich in einigen überdachten Hauseingängen in geschützter Lage eine bepflanzte Schale mit gelben, roten, blauen, weißen und rotlila Primeln, in deren Mitte kleine entzückende Märzenbecher auch schon blühten. Beim Nachbarhaus gab es zwei rosa Hyazinthen, die sehr zart wirkten.

Also sind ansatzweise schon kleine Schrittchen dem Frühling entgegen zu beobachten, und das ist eine gute Nachricht.

Dietlinde Heider
Dietlinde am 31.01.04|07:07 PM GMT+1 [Eintrag]


Donnerstag, 29. Januar

Waldschule


Das Projekt "Waldschule" hatte mein Vater ins Leben gerufen. Ein Leitgedanke von ihm war, den Schulkindern die Natur, ihre Schönheit und das Wunderbare in jedem Tautropfen nahe zu bringen. Nirgends läßt sich dies besser verwirklichen, als in der freien Natur. Er fand bei der Gemeinde, Eltern und Schülern Anklang mit seiner Idee und so wurde sofort begonnen mit der Umsetzung seiner Vorstellung von der "Waldschule". In einem lichten Buchenwald am Rande unseres Ortes wurde damit begonnen in Selbsthilfe. Schüler und Eltern und Menschen, die dieses Projekt unterstützen wollten und es befürworteten, halfen mit. Es wurde aus der Kistenfabrik, die es im Ort gab, Holz gespendet für Tische und Bänke.

Im Nu waren genügend Sitzplätze und Tische vorhanden und die Waldschule wurde eingeweiht. 2 Mal in der Woche vom Frühling bis zum Herbst, wenn es das Wetter erlaubte, wurde nun dort der Unterricht abgehalten, statt im Schulgebäude.

Ich liebte diese Schulstunden in freier Natur.

Das Projekt erregte Aufsehen und die Anregung für eine Waldschule wurde gerne aufgenommen. Es wurde im Kreis zur Nachahmung empfohlen.

Diese außergewöhnliche Möglichkeit im Herzen der Natur den Frühling, den Sommer und den Herbst in seiner jahreszeitlichen Abfolge auch während der Schulstunden zu erleben, war einmalig. Durch Vogelkonzert, Eichelhähergekreische und ab und zu durch ein Eichhörnchen abgelenkt zu werden, das gerade einen Tannenzapfen stibitzte, war schon wunderbar. Es gab kaum etwas Interessanteres als Kind für mich in dieser Zeit, als die Natur mit großem Staunen zu erleben und zu betrachten.

Dietlinde Heider
Dietlinde am 29.01.04|06:59 PM GMT+1 [Eintrag]


Dienstag, 27. Januar

Ausgebackene und getrocknete Pilze


Hatten wir viele Herrnpilze gefunden, schnitten wir die Koppen, die Kappen ab. Sie gab es dann am nächsten Tag ausgebacken in Fett zum Mittagessen. Ich fühle heute noch ihre himmlisch zarte Beschaffenheit, wenn ich an dieses köstliche Gericht denke, und der Geschmack dieser aromatischen Pilze damals, war einfach wunderbar!

Ältere Birkenpilze, Rotkoppen, Pfifferlinge und die Stiele von den Herrnpilzen verarbeiteten Opa und ich am nächsten Tag. Wir gingen in den Schuppen und suchten die schmalen, flachen Bretter, die wir vom vorigen Jahr aufgehoben hatten zum Zwecke des Pilzetrocknens.

Sie wurden gesäubert und in die Küche gebracht. Dann wurden die Pilze geputzt und die verbliebenen Teile und Stiele längs und flach durchgeschnitten und schön nebeneinander auf die Bretter verteilt. Ich durfte sie einzeln in unseren luftigen Schuppen tragen. Dort hatten wir eine Vorrichtung, in die ich die Bretter mit den Pilzen übereinander schob. Ab und zu wendeten wir die Pilze und wenn sie getrocknet waren, kamen sie in ein Baumwollsäckchen in die Küche an einen Haken in die Nähe des Ofens.

Ich habe nie mehr so gute Kartoffelsuppe gegessen, wie damals, in meiner Kindheit, wenn wir die getrockneten Pilze in dem Eintopf mitkochten. Dieses Aroma unserer selbstgesammelten Pilze war unübertrefflich!

Dietlinde Heider
Dietlinde am 27.01.04|08:16 PM GMT+1 [Eintrag]


Sonntag, 25. Januar

Abends gab es Schwammerlgasch


3 bis 4 Stunden waren wir oft unterwegs und es gab eine Menge Pilze, die wir am Spätnachmittag mit nach Hause brachten. Auf unserem grossen Küchentisch breiteten wir dann unsere Schätze aus und ließen uns von Mutti und Oma bestaunen, wie erfolgreich wir gewesen waren. Jetzt ging es ans Putzen und Aussortieren der Pilze. Die kleinen und ganz frischen, die noch nicht angeknabbert oder wurmstichig waren, wurden aussortiert. Daraus gab es noch am selben Abend ein "Schwammerlgaschla", so wurde liebevoll dieses Pilzgericht genannt."la" an "Schwammerlgasch" angehängt ist die Verkleinerungsform und sollte heißen, dass es nur ein kleines, aber ein ganz besonderes Essen war.

Die Zubereitung ging folgendermassen, wenn ich mich noch recht erinnere, denn ich habe später diese Köstlichkeit nicht mehr gegessen und auch nicht mehr selbst zubereitet: Man schwitzte die Pilze mit Butter an. Verquirlte 2 Eier mit Milch, gabe Salz und Muskat dazu, goß es über die Pilze und ließ alles stocken, streute etwas Kümmel darüber und würzte sie dann mit Salz evtl. noch einmal nach und die herrlichste Pilzspeise war fertig. Butterbrot aßen wir dazu, weil die Pilzsuche ja auch ganz schön hungrig machte, und ließen es uns schmecken.

Dietlinde Heider
Dietlinde am 25.01.04|09:19 PM GMT+1 [Eintrag]


Samstag, 24. Januar

Das unterirdische Netz der Pilze


erklärte mir mein Opa ganz genau. Er sagte mir, die Pilze seien untereinander mit einem feinen Netz verbunden. Heute weiß ich, dass es sich um das Mycel: (Mycelium) unterirdisches oder im Substrat verborgenes Pilzgeflecht aus verzweigten und meist auch vernetzten Pilzfäden (Hyphen), handelt. Es war wichtig, auf keinen Fall dieses Netz zu beschädigen, wenn man die Pilze erntete. Opa drehte den Pilz vorsichtig heraus und drückte die Erde wieder ein wenig über dem entstandenen Loch zu. Das machte er immer ganz allein. Da durfte ich nie mithelfen. Mit dem Pilzmesser putzte er dann den unteren Stiel des Pilzes sorgfältig.

Ich entdeckte die meisten Pilze und rief dann immer freudig: "Opa, ich hab wieder eine Rotkoppe". Je nach dem, was ich gefunden hatte, verkündete ich es ihm laut. Dann kam er begutachten, ob es stimmte, was ich gerufen hatte und der Pilz wanderte in unsere Taschen. Ich kannte mich gut aus mit den Pilzen, nach so viel Training in jedem Herbst und lag nie falsch mit den Pilzen, die ich identifizierte als Birkenpilze, auch Butterpilze genannt, und Pfifferlinge. Die größte Freude hatten wir, wenn wir besagte Herrenpilze (Steinpilze) entdeckten.

Dietlinde Heider
Dietlinde am 24.01.04|08:53 AM GMT+1 [Eintrag]


Donnerstag, 22. Januar

Wir gehen in die Pilze


so hieß es, wenn Opa und ich uns aufmachten im Herbst, um Schwammerln zu suchen. Wir hatten Leinentaschen und Opa besaß ein spezielles Pilzmesser, das immer zum Einsatz kam, wenn wir einen Pilz oder eine Pilzfamilie entdeckt hatten. Ich lernte ganz schnell, wenn ich einen Herrnpilz, so hieß bei uns der Steinpilz, gefunden hatte, im Umkreis weiter zu suchen, denn mit ziemlicher Sicherheit waren da noch mehr "Verwandte". So nannte Opa die Pilzgesellschaft, die dort noch anzutreffen war. Aus zwei oder drei Pilzen bestand meist die Pilzfamilie, ein etwas älterer Pilz, öfters schon etwas wurmstichig, ein mittlerer und meist ein kleiner. War der "Kleine" noch zu winzig, sagte Opa: "Wir lassen ihn noch stehen und merken uns die Stelle. Er kann noch ein wenig wachsen. Wir kommen noch einmal in zwei, drei Tagen hier her und holen ihn dann".

Es war spannend für mich, ob wir den Pilz später wiederfinden würden. Meistens war es der Fall.

Dietlinde Heider
Dietlinde am 22.01.04|09:04 AM GMT+1 [Eintrag]


Dienstag, 20. Januar

Erdbeerlichtung


Aus diesem Erlebnis, das ich im vorhergehenden Text meines Tagebuches schilderte, entstand dieses Haiku aus meinen Kindheitserinnerungen.

Sonnenlichtteppich -
schmale Lichtung auslegend -
reift er Erdbeeren.

Dietlinde Heider

Dietlinde am 20.01.04|08:54 AM GMT+1 [Eintrag]


Sonntag, 18. Januar

Erdbeerduft


Mein Großvater ist ganz stark mit meiner Kindheit verbunden. War er es doch, der mich die Waldgeheimnisse lehrte. Unvergessene Ausflüge in unseren nahegelegenen Wald habe ich mit ihm unternommen. Walderdbeeren-Sammelngehen mit ihm, das war immer eine Freude für mich.

Entweder schon in den Morgenstunden oder auch gleich nach dem Mittagessen, brachen wir mit zwei Milchkannen auf. Jeder hatte auch noch ein kleines "Pflück-Tüpfel", so hieß es, mit. Das war ein Gefäß aus Aluminium. Es fasste ungefähr einen viertel Liter und sah aus, wie eine grosse Tasse. War dieses "Tüpfel" vollgepflückt, so leerte man es in die Milchkanne aus. Opa wusste wo die besten "Erdbeerfleckchen" im Wald waren und jedes Jahr suchten wir diese ertragreichen Stellen wieder im Wald auf. Diese Plätze, wo man pflückte, verriet man nie. Falls jemand fragte, wo man so viele Erdbeeren gefunden habe, gab man nur ganz ungenaue und weitläufige Angaben preis.

Eine sonnenbeschienene Lichtung mit hohem, oft dürrem Gras, und einzeln stehenden Überständern, war meine liebste Stelle, auf der ich pflückte. Ich habe heute noch den Erdbeerduft in der Nase, der über dieser Lichtung schwebte und sie durchtränkte, ein süßer, von der heißen Sonne hervorgerufener Erdbeergeruch, den ich nur an dieser Stelle so intensiv wahrgenommen habe, der aber alle Erdbeerpflückerlebnisse durchzieht, begleitet und umhüllt.

Dietlinde Heider
Dietlinde am 18.01.04|09:46 AM GMT+1 [Eintrag]


Freitag, 16. Januar

Dem Leben zugewandt


„Der alte Mann und das Meer“, war der Roman mit dem Hemingway Weltruhm erlangte. Die Geschichte ist schnell erzählt.
Ein Fischer, der stets hinausfuhr aufs Meer, wartete darauf Tag für Tag, den Fang seines Lebens zu machen. Viele Jahre erfüllten sich seine Hoffnungen nicht. Er fing kleine Fische, die es ihm erlaubten seinen Lebensunterhalt damit zu fristen. Doch eines schönen Tages gelang ihm der langerwartete und ersehnte große Fang seines Lebens. Ein riesengroßer Fisch biß an und der zähe Kampf mit ihm begann. Obwohl der Fischer alle seine Kräfte und seinen ganzen Willen aufbot, blieb der große Fisch Sieger. Zu klein war sein Boote, um den großen Fisch hineinzerren zu können. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn längsseits seines Bootes zu nehmen und sich auf die Heimfahrt zu begeben. Sehr stolz über seinen großen Fang, obwohl zutiefst erschöpft, erreichte er sein Heimatufer. Doch welch schlimme Entdeckung musste er nun machen. Vom großen Fang seines Lebens war kaum mehr etwas übrig, außer der Schwanzflosse und dem Skelett. Die Haie hatten alles andere gefressen.

Geht es uns nicht oft genauso, dass wir uns abmühen und quälen und nach dem großen Fang des Lebens trachten? Diese Sehnsucht ist in uns allen. Das Meer des Lebens ist der Tummelplatz, in dem die reiche Beute winkt. Wir hoffen auf einen Glücksgriff, auf den Erfolg. Unter Aufbietung aller unserer Kräfte vollbringen wir Beachtliches und schaffen Werte, die wir längseits an unser Boote des Lebens nehmen... .

Doch wie schnell verbraucht sich unser Leben. Unsere Erfolge sind schneller vergessen, als uns lieb ist. Wir setzen auf Menschen, die uns genommen werden, oder man entfremdet sich. Der Kick der Freude und des Spaßes nutzt sich schnell ab. Am Ufer des Lebens angelangt, stellen wir fest, Widrigkeiten des Alltags und die Vergänglichkeit des Seins, haben den großen Fang zerstört, abgenagt. Nichts als ein dürres Gerippe bleibt, jedenfalls wenn man Hemingways Geschichte folgt.

Im Haben löst sich niemals die Sinnfrage unseres Lebens, auch nicht im Erreichen, Gewinnen und im Sicherheitsstreben. Sie löst sich darin, dass der Mensch sich angenommen fühlt und erfährt, dass sein Leben in der Hand unseres Schöpfers liegt. In verschiedenen Religionen wird er anders genannt, aber er ist doch immer das höchste Wesen, der höchste Geist, in dem wir uns geborgen fühlen können, der uns Kraft gibt, schwierige Situationen zu meistern und uns dazu einlädt, schöne Erlebnisse und Stunden der Freude in unserem Leben zu genießen. Das ist der rote Faden in unserem Leben, der Sinn und Erfüllung gibt.

Dietlinde Heider

Dietlinde am 16.01.04|09:57 AM GMT+1 [Eintrag]


Mittwoch, 14. Januar

Eisblumen, Sándor Márai


Diese wundervolle Betrachtung aus Sándor Márais Buch "Himmel und Erde" besitzt eine Zartheit, in der der Zauber von Eisblumen in schönster Poesie erblüht. Die Bewunderung über das Kunstwerk "Eisblume" und die Phantasie und Vielfalt in der Natur spricht aus jeder Zeile, die Márai schreibt.


Eisblumen

Richte dein Augenmerk auf das, was die Natur
zeichnet! Sieh, mit welcher Sorgfalt sie die Linien zieht!
Wie zart, mit welcher Genauigkeit sie aus
Schnee, Kälte und Eis, aus den edelsten Stoffen ihr
kleines Kunstwerk gestaltet, mit der Sorgfalt und
Eleganz eines japanischen Künstlers, der nur noch
das Wesentliche übermitteln, den Zauber der Form
zeigen will, die Harmonie und die essentiellen De-
tails! Betrachte die Eisblume am Fenster, sei demü-
tig und lerne von der unermüdlichen Bereitschaft
der Natur, denn du kannst deine Aufgabe gar nicht
sorgsam und minutiös genug erfüllen, gar nicht
tief genug eindringen in dein Inneres, in die Welt,
nicht mit genügend Skrupeln unter den Möglich-
keiten wählen. Betrachte die Eisblume, an der gar
nichts "Zweckmäßiges" ist wie sonst in materiellen
Werken der Natur - und dennoch, welche Vorstel-
lungskraft, welche Harmonie der Linien und der
Struktur haucht dir dieses winzige Kunstwerk ans
Fenster! Betrachte die Eisblume und geh in dich.

Sándor Márai: "Eisblumen" aus: Himmel und Erde
(c) der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, 2001


Mein besonderer Dank für die Rechte der Veröffentlichung auf meiner web-page gilt
Francesca Sintini,
Adelphie Edizioni
und
Cristina Schmidt,
Piper-Verlag

Dietlinde am 14.01.04|09:24 AM GMT+1 [Eintrag]


Dienstag, 13. Januar

Sándor Márai


Sein Buch "Himmel und Erde" enthält Betrachtungen über das Leben und die Natur in hellwacher Sinnlichkeit. Eine grosse Nachdenklichkeit spricht aus seinen Texten, einer Poesie, die mich begeistert! Ich besitze nun selbst sein Buch und möchte Eure Neugierde wecken. Was ich besonders schätze, ist seine ausgewogene Balance zwischen Intellekt und Gefühl in seinen Betrachtungen.

Durch die Neuauflage seines Romans "Die Glut" (1999) wurde Sándor Márai als einer der grossen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt.

Eine meiner ersten Tagebucheintragungen war sein Text "Geschenk", den mir Hans Feichtinger per e-mail zusandte. Ein weiterer wunderbarer Text "Eisblumen" folgte, der als nächster Beitrag in meinem Tagebuch erscheinen wird.

Dietlinde Heider
Dietlinde am 13.01.04|09:02 AM GMT+1 [Eintrag]


Sonntag, 11. Januar

Besonders netter Besuch


Nun, am zweiten Weihnachtsfeiertag waren besondere Gäste auf unserer Terrasse, nämlich 2 Pärchen "Schwanzmeisen". Es sind so überaus quirlige, flinke, kleine entzückende Federbällchen mit einem sehr langen stufigen Schwanz und einem winzigen schwarzen Schnabel. Das Köpfchen ist weiß mit einem schwarzen, breiten Überaugenstreifen. Die Flügeldecken und die Flanken sind etwas weinrötlich getönt und mit einer reinweißen Unterseite versehen. Sie sind sehr gesellig und ich habe sie bisher immer nur als Pärchen beobachtet. Eine einzelne Schwanzmeise ist in meinem Blickfeld noch nie aufgetaucht. Fliegt eine Schwanzmeise davon, folgt ihr sofort die zweite.

Weihnachten waren sogar zwei Pärchen gleichzeitig auf unserer Terrasse zu sehen. Ich war begeistert über ihren Besuch an unseren Meisenbällchen und konnte sie wunderbar beobachten. Sie turnen rastlos in den Zweigen und ihren Flug könnte man als "hüpfend" bezeichnen. Er ist wirklich sehr ungewöhnlich und auffällig. Ich finde, daß es außergewöhnlich entzückende Vöglein sind und ihr Besuch auf unserer Terrasse war ein kleines Weihnachts-Geschenk für mich und hat mich ganz besonders erfreut, weil sie mit ihrer Unbeschwertheit mit der sie in den Zweigen herumturnen, richtig übermütig wirken und Leichtigkeit und Lebensfreude verköpern und verbreiten.

In unserer Gegend halten sie sich leider sehr selten auf. Um so schöner, wenn ich sie ab und zu einmal zu zweit in den Zweigen eines Baumes entdecke oder am Schönsten, ihr Weihnachtsbesuch auf unserer Terrasse.

Einmal habe ich im Hofheimer-Wald in einer Astgabel ein kunstvolles, typisch eiförmiges Nest von ihnen entdeckt. Es war fast geschlossen. Nur das Flugloch war oben. Aus Moos und Tierhaaren bestand dieses ungewöhnlich kunstvolle Gebilde. Die Schwanzmeisen-Eltern müssen, wenn sie ihre Jungen füttern und hineinschlüpfen wollen, ihren langen Schwanz über den Rücken bis zum Kopf hochschlagen, um Platz im Nest zu finden.

Es hat mir besondere Freude bereitet, speziell über diese Vögel zu schreiben, weil ich sie wirklich von Herzen mag!

Dietlinde Heider
Dietlinde am 11.01.04|09:21 AM GMT+1 [Eintrag]


Samstag, 10. Januar

Meisenbällchen


Am 2. Weihnachtsfeiertag hatten wir überaus netten Besuch. Auf unserer Terrasse hängen mehrere Meisenbällchen. Es ist eine Freude die Kohl- und Blaumeisen zu beobachten, die sich ihr Futter aus diesen Bällchen picken. Oft kommen mehrere 5 - 6 Meislein, meist morgens, angeflogen und wenn kein Bällchen frei ist zum Picken, dann bilden sie eine Warteschleife indem sie auf einem Ästchen wartend hintereinander sitzen und sobald ein Bällchen frei wird startet das nächste Meislein vom "Warteast" und fängt an zu Picken. Manchmal kommt ein Rotkehlchen angeschwirrt und versucht eine Meise vom Bällchen zu vertreiben, aber nur für Augenblicke. Dann übernehmen die Kohl- oder Blaumeisen wieder die Bällchen und stärken sich weiter.

Mein nächster Beitrag erzählt von besonderen Gästen auf unserer Terrasse.
Dietlinde am 10.01.04|08:56 AM GMT+1 [Eintrag]


Donnerstag, 8. Januar

Entdeckerfreuden


Ich kann mich noch an ein winziges Ackerunkräutlein, man möge mir das „Unkräutlein“ verzeihen, damals sagte man so dazu, heute sind es „Kräutlein“, erinnern, mit winzigkleinen roten Blütchen, das damals ganz neu für mich war, und das ich anhand dieses Blumenatlasses bestimmen konnte. Es handelte sich um Acker-Gauchheil. Ich spüre noch die Entdeckerfreude beim Finden dieses Blümchens und auch beim Bestimmen dieser Pflanze, mit der ich damals ans Werk ging und bestätigt wurde.

Auch der Natternkopf, eine recht stachlige, blaublühende, eher seltene Pflanze in unserer Gegend und der Lerchensporn, der nur am „Kullerberg“ im Frühling blühte, gehört zu den Pflanzen, die ich ganz neu und ganz allein für mich damals entdeckte. Natürlich auch die gepreßten Katzenpfötchen vom Knüllköpfen! Mit ihnen begann ja meine erste Geschichte und ihr Wiederentdecken in meinem Gedichtsbuch hat mir die Erinnerung an unseren wunderschönen Blumenatlas geschenkt.

Dietlinde Heider
Dietlinde am 08.01.04|08:49 AM GMT+1 [Eintrag]


Dienstag, 6. Januar

Blumendienst


Die gepressten Katzenpfötchen, die ich in meinem Gedichtsbuch wiederfand, die aus früherer Kindheit stammten, erinnerten mich auch an unseren „Blumendienst“ in der Volksschule. Mein Vater, auch gleichzeitig mein Lehrer in den ersten 4 Klassen der Volksschule, hatte für uns Schüler in den Klassenzimmern den „Blumendienst“ eingeführt. Auf den Fensterbrettern waren alte Gläser und Fläschchen mit Wasser gefüllt worden. Darin steckte jeweils eine Blume, ein Gras, über deren Stängel ein Etikett mit dem Namen gezogen war. Jeden Tag wurde das Wasser gewechselt und wenn die Blume, das Gras verblüht war, entsorgt. Diese Wartung der Blumen nannten wir Blumendienst, und in jeder Woche war ein anderes Kind an der Reihe, das diesen „Dienst“ zu übernehmen hatte.

Wir durften Gräser und neue Blumen selbst bestimmen anhand eines einmaligschönen Blumenatlasses den ich in mein Herz geschlossen hatte, den ich sehr bewunderte, und den es zu der Zeit nur bei uns in der Schule gab. Er bestand aus einer Attrappe eines aufklappbaren Buches, das einen grünen Ledereinband hatte. Das Titelblatt war ein Bild einer lilafarbenen Iris. Die Form des Buches war ein großer Kasten. Öffnete man den Deckel, so lagen 100 einzelne Blätter mit je einer einzelnen Blumenzeichnung, herrlich koloriert, und dem Namen der Blume in dem Kasten, und auf der Rückseite des Blattes war die Beschreibung der Pflanze zu lesen. Wo ihr Standort war, in Wald, Wiese, Feld, Sumpf, Meer, Berg oder Tal. Hatten wir nun ein neues Gras, eine neue Blume entdeckt, die wir noch nicht kannten, so durften wir diesen Blumenatlas aus dem Schrank holen, und das Blatt heraussuchen, auf dem die Blume unserem Fund ähnlich sah, sie selbst bestimmen, und den Zettel mit Namen an der Blume, am Gras anbringen. Dafür schnitten wir zwei schmale Ritze in den Zettel mit Namen und steckten den Stängel hindurch. War alles fertig bestimmt, wurde es meinem Vater gezeigt. Hielt der Name der Überprüfung stand, wurde eine neue Blume, ein neues Gras auf diese Art und Weise gelernt.

Ich habe versucht, und es hat mir viel Freude bereitet, mich an die Namen der Gräser zu erinneren, die bei uns wuchsen, um sie hier aufzuschreiben, die ich damals auf diese Art und Weise gelernt habe und nicht mehr vergessen habe.
Also ich beginne mal mit Kammgras, Wiesen-Hafer, Riesen-Schwingel, Wiesen-Schwingel, Knäuelgras, Wolliges Honiggras (ganz weich und rötlich, mochte ich besonders). Wiesen-Fuchsschwanz, Zittergras(auch das liebt ich sehr). Ährenrispengräser, Glatthafer, Rohrschwingel, Liesch-Gras, Wald-Schwingel, gemeines Ruchgras, Perl-Gras und Wimpern-Perlgras. All diese Gräser zu unterscheiden, lernte ich schon ganz früh auf diese Art und Weise und mit großer Entdeckerfreude.

Dietlinde Heider
Dietlinde am 06.01.04|10:17 AM GMT+1 [Eintrag]


Sonntag, 4. Januar

Katzenpfötchen


Es war nicht nur die Erinnerung an meinen Vater, die dieses Gedichtsbuch wieder wachrief, sondern 2 gepreßte Katzenpfötchen, ein rosagefärbtes und ein silbergraues vom Knüllköpfchen, einem Mittelgebirgskamm in Oberhessen, die ich entdeckte zwischen den Seiten dieses Büchleins. Sie ließen mich wieder an unsere Wanderungen in der Kindheit denken und Bilder vom Reisighüttenbau im Wald wurden wieder lebendig.

Der Knüll war in meiner Kindheit das Wandergebiet meiner Eltern und für mich an Wochenenden und in den Ferien. Es gab dort eine Jugendherberge in der wir einige Tage übernachteten. Es waren immer schon die dort wachsenden Blumen und Gräser, die mich faszinierten. Mein Vater, selber ein großer Naturfreund, unterstützte meine Wissbegierde, indem er mir die Natur, ihre Schönheit und kleine Wunder in Wald und Flur nahe brachte.
Ich erinnere mich, dass er mir einmal in einem Schlehenstrauch eine aufgespießte Hummel an einem Schlehendorn zeigte, die der Neuntöter, ein Vogel, als Vorrat für futterarme Zeiten dort hinterlassen hatte. Gerade, weil als Kinde dieses Erlebnis so zwiespältig in seiner Wirkung auf mich war, habe ich es nicht vergessen. Ich bewunderte das Geschick des Neuntöters, die Raffinesse von ihm, mit der er für Vorrat sorgte, aber gleichzeitig bedauerte ich das Schicksal der armen Hummel und das ganze Erlebnis verwirrte mich damals sehr.

Dietlinde Heider

Dietlinde am 04.01.04|10:25 AM GMT+1 [Eintrag]


Freitag, 2. Januar

Mein Gedichtbuch


Ein wunderschönes, mit einem roten Ledereinband versehenes Gedichtbuch, schenkte mir mein Vater als ich 11 Jahre alt war, weil er wohl meine Liebe zur Poesie in frühen Jahren schon entdeckt hatte. Ich empfand dieses Büchlein als ein ganz spezielles und liebevolles Geschenk. Ich hütete es wie einen Schatz und besitze es auch heute noch.

Als ich es aufschlug, um nach einem Winter-Gedicht für meine web-page zu suchen, fiel mein Blick auf die Widmung meines Vaters, die in seiner schönen Handschrift auf der ersten Seite meines Büchleins steht.

Das will ich mir schreiben
In Herz und in Sinn,
daß ich nicht für mich auf Erden bin.

Daß ich die Liebe,
von der ich leb`
liebend an andere weitergeb`.

Ein wunderbarer Gedanke für ein Kind, das ins Leben hineinwächst. Damals habe ich wohl den Sinn dieser Worte gar nicht erfassen können. Aber heute, da mein Vater schon viele Jahre verstorben ist, bin ich ihm sehr, sehr dankbar, für diese Erinnerung an ihn, die er mir hinterlassen hat, die innig und liebevoll die Zeit überdauert hat.

Dietlinde Heider



Dietlinde am 02.01.04|10:16 AM GMT+1 [Eintrag]





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