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Die Flussnixe - Ein Märchen

 
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Irmgard
Gast





BeitragVerfasst am: Di, 21 Sep 2004 17:39:00 +0000    Titel: Die Flussnixe - Ein Märchen Antworten mit Zitat



Es war einmal ein kleines Dorf, das an einem Fluss erbaut worden war. Viele Kinder spielten jeden Tag dort am Fluss, doch vor einer Stelle hatten sie Angst. Ihre Eltern hatten darüber zu viele schlimme Geschichten erzählt. An dieser Stelle gab es eine Strömung, und ein Strudel zog alles, was auf der Oberfläche schwamm, in die Tiefe. Das hatte schon immer die Phantasie der Leute angeregt, und sie vermuteten, dass eine Flusshexe dort unten hauste, die die Leute in ihr Verderben reißen wollte.

Sie schärften den Kindern ein, ja nicht in die Nähe der Strömung zu kommen, damit der Strudel sie nicht erfasste und in die Tiefe zog. Und so mieden die Kinder diese Stelle, und spielten weit weg von dort.

Nur ein Junge war immer dort zu sehen. Er hatte keine Angst. Ihn faszinierte dieser Strudel, und er ließ oft eine Feder oder ein Blatt zu Wasser, um zuzusehen, wie es in die Tiefe gezogen wurde. Dazu legte er sich immer bäuchlings auf einen Bootssteg, der aufs Wasser hinausging, um so nah wie möglich am Wasser zu sein.

Er sah allerdings nur den Himmel, der sich auf der Wasseroberfläche spiegelte. Das Wasser war zu unruhig, als dass er hineinblicken konnte oder gar auf den Grund hinabschauen, wie er es so gerne getan hätte. Er wollte so gerne die Flusshexe sehen.

Doch diese „Flusshexe“ – es war in Wirklichkeit eine Nixe - konnte ihn sehen. Jeden Tag sah sie gebannt hinauf, und wartete darauf, dass sein Gesicht über der Wasseroberfläche erschien. Sie war so alleine hier unten, hätte so gerne einen Spielgefährten gehabt. Und sie hatte auch noch niemandem etwas zu Leide getan. Die ganzen bösen Geschichten hatten sich nur die Leute erdacht, die einfach nur Angst vor dem Unbekannten hatten.

Wenn dann das Gesicht des Jungen über dem Wasser auftauchte, schwamm sie nach oben, so nah es ihr möglich war, ohne von ihm gesehen zu werden, und sie sah in seine Augen hinein. Es war ihr, als ob er sie ansehen würde, wie er da so suchend in das Wasser hineinsah. Er hatte tiefbraune Augen, so braun wie die Erde, auf der er ging, und die ihre Füße nie berühren würden. Ja, Füße, denn sie hatte Füße wie jedes andere Mädchen, nur musste sie eben am Grund des Flusses leben. Und diese tiefbraunen Augen wirkten so magisch auf sie wie das Leuchten des Mondes in der Nacht.

Eines Tages, als der Junge sich wieder bäuchlings auf dem Bootssteg niederließ, gab plötzlich der Stützpfeiler nach, der Steg geriet in Schieflage und der Junge stürzte ins Wasser. Er versuchte, wieder die Wasseroberfläche zu erreichen und schrie, aber keiner hörte ihn, denn er war heute alleine am Fluss. Er wurde von der Strömung mitgerissen und durch den Strudel nach unten gezogen. Dann verlor er das Bewusstsein.

Als er wieder erwachte, lag er in einem eigenartigen Bett aus Muscheln und Seetang. Fische und Seepferdchen schwammen um ihn herum, und ein zauberhaftes Mädchen saß an seiner Seite. Er glaubte zu träumen. Es trug ein grün-blau schillerndes Kleid, das über und über mit Schuppen und Wasserperlen bedeckt war. Das Mädchen sah ihn unverwandt mit ihren meergrünen Augen an und streichelte ihn ganz zart und vorsichtig, so als ob sie erst mit einem solchen Wesen wie ihm vertraut werden müsste.

„Wo bin ich?“ fragte er verwirrt. „Bin ich tot?“ – „Nein, du bist nicht tot. Ich habe dich gerettet. Hier in meinem Reich kann dir nichts passieren, denn auch ein Mensch kann hier leben“, sagte die Nixe mit feiner Stimme. „Aber nur hier bist du geschützt. Wenn du außerhalb meines Reiches gelangst, musst du unweigerlich sterben“.

Er sah ihr gebannt in die Augen, war fasziniert von dem unergründlichen Grün. Und er lauschte ihrer Stimme nach, die ihm so lieblich erschien. „Warum sollte ich von hier weggehen wollen? Hier ist es ja wie im Paradies“, rief er aus. Sie sah ihn glücklich an, und er verlor sich noch tiefer in diese meergrünen Augen.

Von diesem Tag an verbrachten sie alle Zeit miteinander, erzählten sich Geschichten von der Welt da oben und der Welt da unten. Sie unternahmen kurze Ausflüge in dem kleinen Reich der Flussnixe. Und beide waren glücklich. Lange, lange Zeit. Bis ... ja ... bis ... den Jungen eine unbestimmte Schwermut überfiel. Er konnte sie nicht deuten, aber immer öfter sah er nach oben und sehnte den Himmel herbei und die Sonne.

Die kleine Nixe bemerkte die Änderung in seinem Wesen und wurde sehr traurig. Sie wusste, warum der Junge so schwermütig war: Er hatte Sehnsucht nach der Welt da oben. Nie würde er hier unten vollkommen glücklich sein. Sie kämpfte einen schweren Kampf mit sich, denn sie war noch nie so glücklich gewesen wie in den letzten Wochen. Doch sein Wohlergehen ging ihr über das eigene.

Und darum wartete sie die Nacht ab, als er schlief, und schwamm mit ihm an die Wasseroberfläche. Sie bettete ihn am Rand des Flusses, so dass ihm nichts passieren konnte, und wachte über seinen Schlaf. Als sie sah, dass er erwachte, hauchte sie noch einen Kuss auf seine Wange und verschwand dann lautlos in der Tiefe des Flusses.

Der Junge erwachte und sah staunend um sich. Er wusste nicht, wie er hierher gelangt war. Doch dann ging er nach Hause. Er wusste nicht, was in den letzten Wochen geschehen war, denn alles, was er mit der Nixe erlebt hatte, war in dem Moment aus seinem Gedächtnis verschwunden, als er wieder die Erde berührt hatte. Das hatte die Nixe gewusst, und dennoch hatte sie den Jungen wieder in seine vertraute Umgebung zurückgebracht.

Von nun an ging der Junge jeden Tag wieder zu dem Bootssteg, der inzwischen längst repariert war. Er legte sich bäuchlings auf die Bretter und sah ins Wasser hinein. Er wusste nicht, welches Wesen da unten sehnsuchtsvoll und mit schmerzendem Herzen zu ihm aufsah, aber trotzdem ging er bis an sein Lebensende jeden Tag zu der vertrauten Stelle, um einem Blatt oder einer Feder zuzusehen, wie sie im Strudel des wirbelnden Wassers verschwand ...

Copy. Irmgard Schertler






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Marga Ritte
Gast





BeitragVerfasst am: Di, 21 Sep 2004 18:47:34 +0000    Titel: RE: Die Flussnixe - Ein Märchen Antworten mit Zitat



Liebe Irmgard,
habe es gerade auf deiner HP gelesen, dieses zartfühlende Märchen.
Es ist wunderbar erzählt, dankeschön dafür.

Herzlichst, Marga.




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Irmgard
Gast





BeitragVerfasst am: Di, 21 Sep 2004 21:01:50 +0000    Titel: RE: Die Flussnixe - Ein Märchen Antworten mit Zitat



Liebe Marga,

danke schön für dein Lob. Gerhard hat mich mit seinem Gedicht "Das Wehr" dazu inspiriert, irgend eine Geschichte mit Wasser und Strudel zu machen. Naja, und Hans Christian Andersen mit seinen wunderschönen Märchen ist immer in meinem Hinterkopf - nur werde ich mich nie mit ihm vergleichen können.

Liebe Grüße, und dir eine gute Nacht, Irmgard




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engelslicht



Anmeldedatum: 16.04.2004
Beiträge: 372
Wohnort: schweiz

BeitragVerfasst am: Mi, 22 Sep 2004 09:40:14 +0000    Titel: RE: Die Flussnixe - Ein Märchen Antworten mit Zitat



Grüezi! Wunderschön. Ich habe auch das Märchen der traurigen Nixe so gern. Habe es oft gelessen und im Fernsehen gibt es von früher auch so eine wunderbare Ferfilmung. Dein Märchen ist genauso schön zum Glück mit gutem Ende. Umarme Dich dafür Engelslicht. Hab auch wieder 2 Gedichte zum Nachdenken reingestetzt




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Ciera
Gast





BeitragVerfasst am: Mi, 22 Sep 2004 10:46:17 +0000    Titel: Ja, die Geschichte ist schön... Antworten mit Zitat



... aber ein gutes Ende ist doch etwas anders,
denk ich mir. In alter Zeit entschieden die
Wesen salomonisch. Da hätte Er den
Sommer auf der Erde und den Winter im See
verbracht.
So bleibt hier nur unerfüllte Sehnsucht,
bewußt durch Verzicht und unbewußt durch
Nichtwissen um den Verzicht. Warum denke
ich in dem Moment, dass beide Seiten einen
gewaltigen Fehler machen???
Sicher gilt das stille Opfer als heilig,
andererseits ist die Liebe dazu geschaffen,
sich einen Weg zu bauen.

Bis bald




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Laura



Anmeldedatum: 11.03.2004
Beiträge: 274
Wohnort: Krefeld

BeitragVerfasst am: Mi, 22 Sep 2004 11:10:52 +0000    Titel: RE: Die Flussnixe - Ein Märchen Antworten mit Zitat



Liebe Irmgard,
ich bin begeistert, ich war am See und konnte das
alles miterleben und dafür danke ich dir.
Schön, dass du so eine liebe Seele bist, die sich noch in Märchen vertieft. Unsere Welt ist so hektisch geworden, keiner hat mehr Zeit und dann liest man so etwas, das strahlt doch Ruhe aus.

Märchenhafte Grüße

Laura




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Irmgard
Gast





BeitragVerfasst am: Mi, 22 Sep 2004 11:15:17 +0000    Titel: RE: Die Flussnixe - Ein Märchen Antworten mit Zitat



Ich danke euch für eure lieben Kommentare,

nein, die Geschichte hat auch in meinen Augen kein wirklich gutes Ende. Aber Wesen, die aus verschiedenen Welten kommen, werden wohl nie zusammen leben können.

Allerdings fällt mir da ein Satz aus der Aschenputtel-Verfilmung "Auf immer und ewig" ein: Auf den Einwand des Mädchens: "Ein Vogel mag einen Fisch lieben, aber wo würden sie leben?" entgegnete da Vinci: "Dann muss ich euch wohl Flügel machen".

Außerdem ist dies nur ein Märchen, und Märchen gibt es im wirklichen Leben nicht, weder welche mit Happy-End noch welche mit melanchlischem Ausgang.

Liebe Grüße, Irmgard




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Ciera
Gast





BeitragVerfasst am: Mi, 22 Sep 2004 13:57:20 +0000    Titel: RE: Die Flussnixe - Ein Märchen Antworten mit Zitat



Nun, deine beiden Welten hätten gepasst...
in alter Zeit. Vielleicht sogar heute?
Die Geschichte der kleinen Meerjungfrau ist ja
ähnlich, auch sie sehnt sich irgendwann ins
Meer zurück, und der Prinz ist obendrein ein
Filou. Ich denke, dein Märchen hat sowas wie
eine Moral: Das die Wahrheit über Gefühle
unverzichtbar ist, und das mensch ein Recht
darauf hat, die Gefühle des anderen zu
kennen. Dann kann sie/er sich immer noch
entscheiden. Die Beziehung negieren, einen
Kompromiss eingehen.... oder vielleicht wär
der Bursche ja auch nach neuerlichen
Erfahrungen auf der Oberwelt bereit, ganz
runterzugehen. Wäre die Geschichte ein Film,
könnte man mehrere alternative Enden
drehen. Nun ist es die vielleicht traurigste
Variante. Nein, halt, sie könnten in ihrem Leid
noch Selbstmord begehen... soll auch schon
vorgekommen sein, oder krank werden, oder
sonstwas... So bleiben sie und er "nur"
allein...

Das Leben kein Märchen? Tief
philosophische Frage. Warum benehmen
sich die meisten Menschen dann, als würden
sie in ein Märchen hineingelebt werden??
Böse Frage, gelle??
Nichts für ungut!
*lacht*




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Irmgard
Gast





BeitragVerfasst am: Mi, 22 Sep 2004 15:25:42 +0000    Titel: RE: Danke, Ciera Antworten mit Zitat



So böse war deine Frage gar nicht. Ich denke, die meisten Menschen sind Romantiker, mehr oder weniger ausgeprägt. Nur, das Leben nimmt einem dann meist die Illusionen.

Märchen befriedigen das Bedürfnis nach Harmonie und Einfachheit. Das Leben ist aber nicht einfach. Man muss an seinem Geschick arbeiten, es fliegt einem nicht zu.

Und danke für deine Tipps und Gedanken zwecks anderer alternativen Endungen. War interessant. Ein Märchen habe ich ja bereits mit anderem Ende versehen. Aber das hier lasse ich mal so. Vielleicht geht die nächste Geschichte wieder besser aus *zwinker*

Liebe Grüße, Irmgard




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Gerhard Becker
Gast





BeitragVerfasst am: Mi, 22 Sep 2004 21:40:40 +0000    Titel: RE: Die Flussnixe - Ein Märchen Antworten mit Zitat



Liebe Irmgard,

sehr schön,traumhaft schön geschrieben. Das Märchenschreiben liegt ´Dir!Gefällt mir sehr, wenn es auch kein Happyend letztlich gibt, von der Rettung des jungen einmal abgesehen.

Liebe Grüße

von Gerhard




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Irmgard
Gast





BeitragVerfasst am: Mi, 22 Sep 2004 23:37:09 +0000    Titel: RE: Die Flussnixe - Ein Märchen Antworten mit Zitat



Lieber Gerhard,

dein Lob freut mich. Vor allem, weil du auch sehr schöne Märchen schreibst!

Liebe Grüße, Irmgard




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