Klassisch versteht man unter einem Haiku einen dreizeiligen Vers aus
5 – 7 – 5 Silben bestehend. Die japanische Lyrik hat es
hervorgebracht. Es ist die kleinste Gestaltungsform des lyrischen Verses. Basho, der 1644 – 1694 lebte und Issa 1763 – 1827, sind die bekanntesten
Lyriker ihrer Gattung. In der japanischen Tradition ist das Haiku an die
Jahreszeiten gebunden. In der europäischen Lyrik hat es eine Wandlung in
der Thematik erfahren. Es stellt Momentaufnahmen eines Naturerlebnisses
dar auch außerhalb bestimmter Jahreszeiten. Stimmungen werden transparent,
Bilder einer Landschaft im Kern erfaßt und dargestellt. Haiku-Verse sind
sozusagen Erinnerungsmomente eines erlebten Glücks mit der Natur im
Einklang. Auch melancholische Gefühle und Erlebnisse im Naturgeschehen
sind Themen des Haiku.
Ein Beispiel:
Auf hartem Felsen
die Glockenblumenkissen
polstern fein den Stein.
Seit einiger Zeit sind auch moderne Varianten möglich, die man "Freie
Haiku" nennt.
Man ist bei dieser Art des Haiku bestrebt, ein Haiku mit weniger als 17
Silben zu kreieren. Es werden bei dieser Art möglicherweise Füllwörter
vermieden, die eingesetzt wurden, um auf die 17 Silben zu kommen. Die
Anordnung der drei Zeilen bleibt bestehen.
Ein Beispiel:
Auf hartem Felsen
Glockenblumenkissen
polstern den Stein.
Tanka
Schon seit dem 4. Jahrhundert ist das Tanka ebenfalls aus Japan bekannt.
Es hat eine fünfzeilige Gestaltungsform und ist der Vorläufer des Haiku.
Es besteht aus einem dreizeiligen Oberstollen, 5 - 7 – 5 silbig und aus
einem zweizeiligen Unterstollen 7 – 7 silbig. Es umfaßt somit 31 Silben.
Senryu
Das Senryu geht auf den japanischen Dichter Karai Hachiemon (1718 – 1790)
zurück. Es ist formal wie das Haiku aufgebaut, doch inhaltlich erlebte es
durch Senryu, dessen Pseudonym „Flußweide“ bedeutet, eine Erweiterung der
Themen und schließt auch das Geschehen menschlichen Daseins mit ein. Hier
in Europa ist nun eine eigene Tradition des europäischen Haikus
entstanden, die gefördert wird und sich großer Beliebtheit erfreut.
Genießen Sie meine lyrischen Momentaufnahmen, der stimmungsvoll
abwechselnden Naturerlebnisse.
Ein Augenblick des Naturerlebens, der Kern des Geschehens, wird
transparent. Das zu Erfühlende ist offengelassen. Es ist der „leere Raum“,
der auffordert, die Wahrheit zu ergründen. Nur wenn Sie die
Herausforderung annehmen, diesen Moment des Erlebens zu erfühlen, wird
Ihnen das Dahinter oder das Darüberhinaus greifbar. Die Kürze der Lyrik
und ihre straffe Bindung an das Silbenmaß verstärken die Verdichtung und
den Nachhall.