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Die vielen
Glockenblumen, die für mich in diesem Urlaub blühten, brachten mich auf die
Idee, Dir eine kleine Geschichte aus meinen Kindheitserinnerungen
aufzuschreiben. Ich denke, Du wirst Dich freuen, von meinen schönen Träumen
aus meiner Kindheit zu hören. Ich weiß nämlich nicht, ob ich sie Dir damals
erzählt habe. Heute, in dieser realistischen Welt, wirken sie wie ein
buntschillerndes Grundmuster meiner Kindheit, wie glitzernde Tautropfen, die
mich auch heute noch beleben und einen Urgrund von phantasievollen Gedanken
bilden. Ich freue mich, dass ich sie bis in mein jetziges Leben hinüber
gerettet habe. Sie hatten ihren Ursprung im Grase liegend, den Wolken
nachschauend. Ein ganz betörender, leicht seidiger Duft, der von Holunderblüten
und Mehlbeersträuchern aufstieg, betäubte mich wohl ein wenig. Das Träumen
war fast immer eine Folge davon, und ich stellte mir oft vor, eine Elfe zu sein
im Reich der Glockenblumen.
Die Vorstellung von
Elfe und Glockenblumen war ein fester Bestandteil meiner Kindheitsträume in
immer neuen Variationen. Noch heute liebe ich alle Arten von Glockenblumen, und
wenn ich ehrlich bin, nehme ich manchmal eine Elfe wahr, die sich in größter
Eile von einer Glocke zur anderen schwingt, um sich dann aber schnellstens vor
mir zu verbergen. Mit einem Blick erhasche ich doch noch einen Zipfel ihres
hauchzarten, meist rosa, hellgelb oder himmelblauen, seidenen Gewandes. Hatte
sie ihr weißes, duftiges Rüschenhütchen, ohne das sie in meiner Kindheit nie
erschien, aufgesetzt? Ich bin fast sicher. Sie hatte sich so schnell vor mir
verborgen, dass mich nur noch ein rascher Blick aus ihren lustigen, frechen
Koboldaugen streifte, und weg war sie. Ja, in meiner Kindheit, da verweilte sie
länger! Wir unterhielten uns über ihr Feenreich, über ihre Freundinnen und
was sie so den ganzen Tag machte erzählte sie mir. Manchmal lud sie mich ein,
sie in ihrem Feenschloss zu besuchen. Um ihre Gefährtin sein zu können,
verwandelte sie mich ebenfalls in eine Elfe. Ich durfte mir ein Feenkleid wünschen,
das aus zartestem, duftigstem Gewebe, das man sich vorstellen kann, bestand und
mich gleich einem Hauch von Sommerwind umgab. Als Kopfbedeckung wählte ich
meistens eine seidene hellblaue Glockenblume, unter der sich meine blonden Löckchen
frech ringelten. So verwandelt schwebten wir zusammen los. Noch heute stellt
sich manchmal dieses "Schwebegefühl" ein, und es sind wunderschöne
Augenblicke. Trafen wir unterwegs ein anderes Elfchen, hielten wir einen kleinen
Schwatz, meist über die Schule. Seltsamerweise spielte die Schule auch bei den
Elfen eine nicht unbedeutende Rolle. Sich Wissen anzueignen war wichtig. So
wurde meist von erfolgreichen Klassenarbeiten gesprochen. Hatte sich das Thema
erschöpft, verabschiedeten wir uns und schwebten weiter, den Elfengarten als
Ziel unseres heutigen Ausflugs im Auge. Ich sah ihn noch nicht, aber sein Duft
verriet, dass wir in seiner Nähe waren. Die Luft schien seidig zu flimmern, und
ein Hauch von Unendlichkeit umgab ihn. Da tauchten schon die ersten Blumen auf.
Sie hatten feengleiche Namen wie: Elfenschuh, goldfarbiger Sonnenstern,
violettblühender Mondschatten, Taurispe, Nebeldolde, hauchzarte
Schmetterlingswicke, Kristallflocke, buntschillernder Regenbogenhut und Feenröckchen.
Diese Namen sind in meiner Erinnerung haften geblieben. Es werden sicher noch
eine ganze Menge mehr gewesen sein, denn in einem Elfengarten gibt es unzählige
der schönsten Blumen, die man sich vorstellen kann. Hatten wir alle Blumen begrüßt,
neue Pflänzchen bewundert, zarte und prächtige Blüten gleichermaßen
bestaunt, mit allen ein bisschen gelacht und gekichert, durfte ich mir einen
Feenstrauss pflücken. Das bildete den Höhepunkt meines Ausflugs. Ich suchte
mir die Blumen aus, die mich am meisten entzückten. Manchmal stellte ich einen
ganz bunten Strauß für mich zusammen. öfter aber, reizten mich die duftigen,
zartfarbigen Blüten mit Schlei erkraut verziert. Meine Freundin, die Elfe, war
eine Meisterin im Blumenbinden, und im Handumdrehen hatte sie ein feengleiches
Bouquet für mich hervorgezaubert. Bei den vielen Besuchen habe ich natürlich
meiner lieben Elfe eine Menge abgeschaut und versuche mich jetzt selbst gerne
beim Zusammenstellen schöner Blumensträuße. Mein Elfchen gab mir also den
Strauß mit auf den Heimweg. Ich erinnere mich daran, dass ich immer allein an
den Ausgangspunkt meiner Träume zurückschwebte. Schlug ich die Augen auf, weil
ich merkte, dass es feucht oder kühl wurde, stellte ich fest, dass ich gar
nichts in den Händen hatte und dass mein schöner Traum zerronnen war. So tröstete
ich mich mit den Wiesenblumen, die um mich herum in großer Zahl blühten und
pflückte einen Strauß für Dich, liebe Mutti.
Ich schwelgte im Garten
meiner Kindheitsträume und dies ist eine meiner schönsten Erinnerungen, die
ich gerne für Dich festhalten möchte. Die Träume sind zwar zerronnen, aber
wie Du siehst, habe ich sie noch in sehr lebhafter Erinnerung und ich hoffe, Du
freust Dich mit mir, dass ich wagte zu träumen.
(c) Dietlinde Heider |